Herbsttagung der Evangelischen Landessynode in Stuttgart 27.-30.11.2017

EuK-Bericht von Peter Schaal-Ahlers und Andreas Wündisch

Inhalt

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Keine kirchliche Segnung homosexueller Paare

Gleichgeschlechtliche Paare können sich in der Evangelischen Landeskirche auch künftig in Württemberg nicht öffentlich segnen lassen. Der Gesetzesvorschlag des Oberkirchenrates verpasste knapp die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Der Vorschlag der Kirchenleitung sah vor, dass Kirchengemeinderat und Pfarrer mit einer Dreiviertelmehrheit einer öffentlichen Segnung zustimmen müssen. In der Vorlage war ein Gewissensschutz für Pfarrer vorgesehen. In der ersten Lesung hatte der Gesetzesvorschlag am 28. November die zunächst benötigte einfache Mehrheit erhalten.

Der Gesprächskreis Evangelium und Kirche stellte in der Debatte die Gewissensfreiheit in den Mittelpunkt seines Votums. Dekan Ernst Wilhelm Gohl (EuK) sagte wörtlich: „Ich bitte alle, die zur Ablehnung entschlossen sind, weil ihnen der Antrag nicht weit genug oder die, denen der Antrag zu weit geht: Stimmt dennoch zu! Ermöglicht, dass alle in einer Sache, die das Bekenntnis nicht berührt, ihrer Überzeugung folgen können.“ Gohl berichtete von einer langjährigen Kinderkirchmitarbeiterin, die ihre Partnerin geheiratet habe und sich einen Segnungsgottesdienst in der Kirche wünschte, in der sie jeden Sonntag Kindergottesdienst gefeiert habe. „Mit unserer derzeitigen Regelung wäre dies verboten. Sollte der Pfarrer diesen Segnungsgottesdienst durchführen, müsste er disziplinarrechtlich belangt werden. Wollen wir das wirklich?“, fragte Gohl. Der Gesprächskreis Evangelium und Kirche wollte deshalb den Kompromissvorschlag des Oberkirchenrats mittragen. „Wir hätten uns gewünscht, dass die gleichgeschlechtliche Segnung nicht die ‚Ausnahme‘ ist, sondern eine reguläre Möglichkeit“, erklärte Gohl. „Dennoch ermöglicht sie gleichgeschlechtlichen Paaren einen öffentlichen Gottesdienst. Dieses Ergebnis ist für uns entscheidend!“

Ein bewegendes Votum kam von Schwester Margarete Mühlbauer (EuK): „Mein Prozess in der Frage, ob es uns zusteht, den Segen zu verweigern oder zu geben, ist äußerst lang.“ Sie zitierte Ulrich Bach: „Wir Menschen sind alle gleichwertig, gleich gewollt und gleich geliebt von Gott. Und wir alle sind ansehnlich. Gott sieht uns an. Mit dem Sterben Jesu am Kreuz ist der Vorhang im Tempel zerrissen, und Gott sieht uns an. Deshalb sind wir ansehnlich. […] Nicht nur das, was mir gefällt, sondern auch das, was mir starkes Unbehagen macht, hat er, Gott, gnädig geordnet. […] Die unter uns, die im Blick auf Leib, Gut und Ehre nichts Negatives zu beklagen haben und auch die, bei denen das sehr anders ist, dürfen und sollen in gleicher Weise an den ihnen gnädigen Schöpfer glauben. Die einen und die anderen können nicht erklären, warum Gott ihnen gerade dieses zukommen lässt.“ Deswegen, so Schwester Margarete, gehörten homosexuelle Menschen und zwei Menschen gleichen Geschlechts zu denen, die gesegnet werden, weil sie Gott so geschaffen hat und Gott ihnen zumutet, so zu leben.

Für Harry Jungbauer (EuK) hat die Gewissensfreiheit eines Pfarrers/einer Pfarrerin einen ganz hohen Stellenwert und diese wird auch bisher (z.B. bei der Wiederverheiratung Geschiedener) berücksichtigt. Er führte am Beispiel der unterschiedlichen Segnungen von Gemeinden in der NATO-Nachrüstungsdebatte der 1980er-Jahre aus, dass wir es in unserer Landeskirche gelernt haben, wie wir unterschiedlichste Adressen des Segens aushalten. Damals seien in manchen Gemeinden Rüstungsbefürworter, in anderen ausschließlich pazifistische Demonstranten gesegnet worden. Dies zeige, dass Gemeinden verantwortungsbewusst mit solchen grundsätzlichen Differenzen im ethischen Bereich umgehen können. Im Zutrauen gegenüber den Gemeinden sprach er sich daher für die Entscheidungsmöglichkeit der Gemeindegremien aus.

Nach der Entscheidung sagte Dekan Ernst-Wilhelm Gohl (EuK): „Das ist ein bitterer Tag für gleichgeschlechtliche Paare und unsere Landeskirche. Der Entscheidung ging ein langer Abstimmungsprozess voraus. Die Bedenken der „Lebendigen Gemeinde“ wurden kontinuierlich eingearbeitet. Dies erforderte von den anderen Gesprächskreisen sehr große Zugeständnisse. Ziel des Entwurfes war es gewesen, das jeweilig andere Schriftverständnisses zu respektieren. Dass nun eine Minderheit, die fordert, ihrem an die Schrift gebundenes Gewissen folgen zu können, dasselbe Recht einer deutlichen Mehrheit verweigert, ist nur schwer zu ertragen. Dennoch bleibt festzuhalten: Eine deutliche Mehrheit befürwortet die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.“

Die Finanzen der Landeskirche

Oberkirchenrat Martin Kastrup stellte den Haushaltsplan der Landeskirche vor. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren 2016 so gut, dass sie den Mitgliederrückgang um 1,3 % (26.832 Mitglieder) mehr als wettgemacht haben. Statt der erwarteten Kirchensteuern von 680 Mio. €, sind 711 Mio. € (2015: 702 Mio) eingegangen. Für das Jahr 2017 rechnet Kastrup mit bis zu 750 Millionen €, 20 Millionen mehr als geplant. Für das Jahr 2018 werden im Haushaltsplan 690 Mio € Kirchensteuern prognostiziert. Nach Abzug der Ausgaben für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), den Evangelischen Entwicklungsdienst, den Lutherischen Weltbund und die staatliche Finanzverwaltung verbleiben im Haushalt 2018 netto etwa 560 Millionen €, die hälftig zwischen den Kirchengemeinden und der Landeskirche geteilt wird. Die Kirchengemeinden werden in den nächsten Jahren jeweils 4% mehr Zuweisungen bekommen. Bezirke mit vielen Kindertagesstätten werden künftig weitere Finanzmittel brauchen. Wie dies konkret umgesetzt werden kann, wird in den kommenden Monaten geklärt werden.

In seiner Haushaltsrede unterschied Harry Jungbauer (EuK) die Inhalte des Plans für 2018 und die darin angelegten Zukunftsperspektiven. Für die im achten Jahr steigenden Einnahmen dankte er den Gemeindegliedern und stellte die steigenden Ausgaben für Bildung und Unterricht sowie die zeichenhaften Zuwendungen für von Hungersnot betroffenen Menschen in Ostafrika besonders heraus. Als wichtige Zukunftsperspektiven kamen die verstärkte Unterstützung der Notfallseelsorge, die möglichen Projekte mit Diakoninnen und Diakonen sowie eine künftig nachhaltige Finanzierung der Kindergartenarbeit in den Blick. Die geplante Einstellung von jungen Nachwuchskräften auf Traineestellen, die neue Wege in der Verwaltung lernen und erproben sollen, stimmte ihn hoffnungsvoll für die Zukunft der Kirchenleitung.

Strategische Planung: Es tut sich was

Der Oberkirchenrat ist dabei, ein Konzept zur strategischen Planung zu entwickeln. Er geht dabei von einer Vision 2030 aus: „Unterwegs in das Land, das Gott uns zeigen will“. Strategische Ziele wurden formuliert.

Die strategische Planung soll in Abstimmung mit den anderen kirchlichen Ebenen von Jahr zu Jahr weiterentwickelt werden. Dazu wird ein Kommunikationskonzept erstellt. Das forderte auch Eberhard Daferner für EuK, der sich gewünscht hätte, dass die Strategie im Vorfeld schon kommuniziert worden wäre. Kommunikation sei nicht nur Information, sondern auch Transparenz. „Ich wünsche mir mehr Pfiffigkeit und Tiefgang“. Er forderte ein, dass die Ziele konkret und praktisch formuliert werden und auch überprüfbar sein müssten. Das träfe auch auf die Personalpolitik zu, zumal der Krankenstand im OKR oberhalb des Durchschnitts sei. Das könne man sich in Konkurrenz zu Staat und Kommune nicht leisten. Peter Schaal-Ahlers schlug vor, auch eine Kultur des „Zurückschneidens und Loslassens“ zu entwickeln, damit wie in einem Garten Platz für Neues entsteht. Bischof Frank Otfried July lobte den Prozess gemeinsamer Zielsetzung und Absprache. Früher sei das nur anhand des Haushalts oder anhand von Projekten diskutiert worden. Direktor Stefan Werner ließ durchblicken, dass bei den Voten der Synodalen sehr genau zuhören würde und das Verhältnis OKR-Synode nicht hierarchisch begreift.

Strukturerprobungsgesetz: Verlängerung

Christian Heckel (EuK, Vorsitzender des Rechtsausschusses) stellte die Verlängerung des Strukturerprobungsgesetzes vor, das dem OKR die Möglichkeit gibt, per Verordnung von Vorschriften abzuweichen. Eine so weitgehende Ermächtigung der Exekutive sei beim Staat nicht möglich. Sie sei ein Beispiel des vertrauensvollen Zusammenwirkens der kirchlichen Verfassungsorgane als besonderen Verfassungsgrundsatzes des evangelischen Kirchenrechts. Die Erfahrungen bei der Einführung Codekanen waren gut und führten zu einer Dauerregelung. Die Synode stimmte für die Verlängerung dieser Möglichkeit um 5 Jahre.

Dienstwohnung, Krankenversicherung und Gehalt der Pfarrerinnen und Pfarrer

Zusammengenommen haben die Beschlüsse, die den Pfarrberuf attraktiver machen werden, ein Volumen von 900.000€ pro Jahr.

Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen

Evangelium und Kirche hat sich intensiv für die Erhaltung der zweiten Personalstelle in der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen eingesetzt. Dies ist nun gelungen. Die wachsende Bedeutung der Arbeit der macht es nötig, diese Arbeit wieder auf eine solide und sichere Grundlage zu stellen.

Arbeit an der Taufagende

Oberkirchenrat und Theologischer Ausschuss haben der Synode den Entwurf eines neuen Gottesdienstbuches zur Taufe vorgelegt. Unter anderem ermöglicht die neue Taufagende, dass ein Täufling bei seiner Taufe ganz untergetaucht werden kann. Diese so genannte Immersionstaufe bilde „die Bewegung Christi in den Tod und aus dem Tod in ein neues Leben“, erklärte Karl Hardecker (OK). Die Evangelische Landeskirche in Württemberg sei die erste Landeskirche innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die diese Form ermögliche. Damit würde eine 500 Jahre währende Abgrenzung gegenüber der Täuferbewegung zu Ende gehen. Die Synode verwies den Entwurf zur weiteren Beratung in den Theologischen Ausschuss.

Diakonat

OKR Werner Baur stellte das Maßnahmenpaket I zum Diakonat vor. Er wurde viel Arbeit geleistet zur Aufwertung des Diakonats, aber es ist noch sehr viel Arbeit zu leisten. Schwester Margarete Mühlbauer (EuK) stellte fest, dass es in dieser Angelegenheit noch „zu viel Halbherzigkeit und zu wenig Begeisterung für Diakone“ gebe. Es mangele immer noch an Dankbarkeit für diesen Berufsstand. Das zeige sich in der mangelnden Sicherheit in der Anstellung. Dabei ist der Diakonat dringend notwendig, weil wir Menschen brauchen, die sprachfähig sind.

Bericht über die Verfolgungssituation

Kirchenrat Klaus Rieth hielt wieder einen ausführlichen und kompetenten Bericht über die Verfolgungssituation von Christen in aller Welt. Zum Download hier klicken (11 Seiten): https://www.elk-wue.de/fileadmin/Downloads/Wir/Synode/2017/03_Herbsttagung/Berichte_und_Reden/TOP_26_-_Verfolgungssituation_-_Klaus_Rieth.pdf

Bericht EKD-Synode

Die EKD-Synodalen Jutta Henrich (OK) und Steffen Kern (LG) berichteten den Aktivitäten zum Reformationsjubiläum, die als Erfolg bewertet wurden, vom Thema Digitalisierung, das auch die EKD beschäftigt und vom Aufruhr, der durch die Verschiebung von Haushaltsmitteln weg von einer Unterstützung von „idea“ hin zu „anderen evangelischen Medien – auch aus dem Bereich des Pietismus“.

Beitritt der Landeskirche zur Aktion „Aufschrei“

In der Frage, ob die Synode einen Beitritt der Landeskirche zur Aktion „Aufschrei“ befürwortet, die sich für das Verbot von Rüstungsgütern und für Rüstungskonversion einsetzt, sprachen sich Eva Glock und Andreas Wündisch von EuK entschieden dafür aus. Die Entscheidung liegt nun beim Landesbischof.

Flüchtlinge

Die Synode sprach sich in zwei Appellen dafür aus, dass der Landesbischof sich für die würdige Behandlung von Flüchtlingen in Griechenland und der Türkei einsetzt und dass der Familiennachzug wieder in Kraft gesetzt wird. Gleichzeitig wurde den kommunalen Partnern Unterstützung angeboten.

Wechsel im Vorsitz des Kirchlichen Verwaltungsgerichts

Da der Vorsitzende Richter Dieter Eiche (Vors. Richter am Verwaltungsgericht i.R.) sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt hat, wurde, Dr. Rüdiger Albrecht als Mitglied des Kirchlichen Verwaltungsgerichts gewählt.

Bischof

In seinem Schlusswort betonte der Landesbischof, dass er das „Einigungswerk“ seines Amtes darin sehe, einen angemessenen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren zu finden. Die Arbeit sei noch nicht zu Ende.

Weitere Informationen zur Herbsttagung der Landessynode finden Sie hier: https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/sitzungen-der-landessynode/herbsttagung-2017/

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29. November 2017

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Kurz vorgestellt
Andreas Wündisch

Andreas Wündisch

Wahlkreis Besigheim - Brackenheim

89079 Ulm-Wiblingen

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